INTERVIEWS MIT ALEXIS DOS SANTOS
SUNDANCE 09:


Erzähl mir etwas über Deinen Film: Mit wem hast Du gearbeitet, warum hast Du ihn gemacht? Gib uns einen verkürzenden, höchstens 25 Worte langen "X meets Y"- Pitch und verrate uns dann, was dieser kurze schmutzige Verkaufsslogan auslässt!

Unmade Beds schildert eine Epoche und einen Ort: junge Leute im heutigen London. Ich habe diesen Film mit internationaler Besetzung in London gedreht: Fernando Tielve ("Goya's Ghosts"), Deborah Francois ("L'enfant"), Michiel Huisman ("The Young Victoria"), Iddo Gold- berg und Richard Lintern.

Wäre dieser Film ein Ding, dann wären das zwei Schachteln, gefunden in einer leeren Lagerhalle, mit Bildern, Polaroids, CDs, Tagebüchern, Konzerttickets, Comics, Zeichnungen und eine Menge leerer Flaschen. Die eine Schachtel würde einem Jungen namens Axl gehören, die andere einem Mädchen, das Vera heisst. Wenn man sich ihre Dinge anschaut, kann man darauf kommen, wie sie leben, was sie denken, wovor sie Angst haben und wonach sie sich sehnen. Man sieht ihr Leben und wie sich ihre beiden Geschichten allmählich verweben. Okay, das war nun nicht gerade der erbetene "schmutzige kurze Verkaufsslogan", nächster Versuch: Meine Anregungen finde ich meist in der Musik, Kunst, Literatur und Fotografie, nicht so sehr in Filmen. Also: "Es ist, als würden Fotos von Nan Goldin zu einem Soundtrack von Daniel Johnston zusammengestellt".

Oder...

"Wie In the Mood for Love trifft My Own Private Idaho". Nur dass es im heutigen London keine chinesischen Klamotten, keine Stricher und keinen Shakespeare gibt. Mit vielen Konzerten, Alkohol, Tanzen, Sex und einem ergreifenden, aber glücklichen Ende, und mit einem sehr eklektischen Soundtrack unterlegt. – Tut mir leid, das war wirklich eine schwere Frage.

Hast Du Deinen Film durch einen anderen Job finanziert? Was hast Du gemacht, bevor Du Filmemacher wurdest?

Ich habe keinen einzigen Tag in meinem Leben gearbeitet. Okay, ich habe ein paar Musikvideos und etwas Werbung gemacht, aber das kam mir nicht wie Arbeit vor. Ich würde ja gern sagen können, ich hätte gestrippt oder Pornos gedreht, um das Geld für diesen Film an- zuschaffen, aber so war es leider nicht. Ich wurde während der Projektentwicklung bezahlt, das war eine große Hilfe. Und dann durfte ich einige Monate in Paris in der Residenz der Filmstiftung Cannes bleiben, das hat auch geholfen.

Angenommen Du wärst in der Todeszelle und dürftest am Abend vor der Hinrichtung zwei Filme Deiner Wahl sehen. Was würdest Du als Double-Feature für Deine letzte Erdennacht auswählen?


Monty Python's The Meaning of Life und Wes Anderson's The Royal Tenenbaums. Oder vielleicht einfach ein paar Pornos und eine lange Playlist mit meiner ganzen Lieblingsmusik.


PARIS 2010

Sie sind Argentinier, Sie leben in London, Sie sprechen Französisch und sie haben für LONDON NIGHTS eine belgische Schauspie- lerin engagiert.


Ich habe mich in den letzten zwölf Jahren viel in Europa aufgehalten, erst in Barcelona, dann in Paris, und nun in London. In LONDON NIGHTS wollte ich die Stadt in einem neuen Licht zeigen: Dort kreuzen sich die Wege von jungen Menschen aus aller Welt, sie sprechen verschiedene Sprachen, aber sie verständigen sich auf Englisch. In London mischt sich alles. Wir bilden dort Ersatzfamilien fern vom Land unserer Geburt und unseren Wurzeln. Wir erschaffen uns eine neue Identität durch die Musik, die wir hören, die Leute, die wir treffen, und die Orte, die wir besuchen. Das ist das Milieu, in dem ich die Figuren meines Films angesiedelt habe.

Hätten Sie sich vorstellen können, den Film anderswo als in England zu drehen?

Ich wollte immer London als Drehort. Die Figuren vielleicht auch in Berlin oder Barcelona leben können, nirgends sonst, aber London hat etwas ganz Besonderes an sich. Ich wollte das hippe East End zeigen, wo zeitgenössische Musik und Kunst sich verbinden und Kunst- studenten in Rockbands mitmachen Ich kenne die Stadt sehr gut, ich habe lange genug dort gelebt, um sie so zu schildern, wie ich sie erlebe. Natürlich hätte ich auf Spanisch drehen können, aber da meine Figuren aus verschiedenen Ländern kommen, benutzen sie die Sprache, die sie gemein haben: das Englische. Und wenn sie sich in ihre Gedanken zurückziehen, gebrauchen sie ihre eigene Sprache. Ein ganz natürliches Phänomen.

Was sind Ihre künstlerischen Bezugspunkte für diesen Film?

Ich habe nicht an Spielfilme gedacht, sondern an Musiker und Fotografen, an Künstlerinnen wie Nan Goldin. Sophie Calle hat mich auch sehr inspiriert. Ich dachte daran, welche Art von Künstlerin sie werden wollte. Wie sie die Grenzen zwischen ihrer Kunst und ihrem Leben aufheben wollte. Vera in LONDON NIGHTS entspricht ihr: Sie wagt es zu leben, und sie setzt ihre Sicht der Dinge leise und unauffällig durch. Die Fotos von Nan Goldin beschreiben Intimität und sexuelle Beziehungen. Ich fand immer, dass es eine Parallele zwischen den beiden gibt...Ich habe auch viel an die Musik von Daniel Johnston gedacht. Fotos von Goldin, denen von Johnston gespielte Musik gegenübersteht – so habe ich mir meinen Film vorgestellt. Das ist der Geist, aus dem heraus mein Film entstanden ist. Dann interessiert mich auch die Art, wie manche nordamerikanische und argentinische Schriftsteller mit der Form spielen und der Perspektive. Das wollte ich in meinem Film auch machen, originell statt konventionell erzählen.

Die animierten Fotos und die 8mm-Filmclips erlauben Ihnen, die poetischen und melancholischen Momente des Skripts hervorzuheben?

Diese Fotosequenzen erzählen von Erinnerungen und der inneren Gedankenwelt der Figuren. Zwischen den von unserem Gedächtnis eingefangenen Bildern und der Art und Weise, wie wir sie bei uns bewahren, besteht ein Zusammenhang. Diese Arbeit an der Vergan- genheit sollte über den ganzen Film hinweg gegenwärtig sein, besonders wenn wir in die Köpfe der Figuren eintreten. Etwa wenn sich Vera an ihren Exfreund erinnert. Und bei Axl sind die Betten Teil dieser Vergangenheit, in seiner Vorstellung bilden sie eine Abfolge. Das ist wie eine Erforschung der Zeit. Die meisten dieser Fotos habe ich selber gemacht, und auch die stummen 8mm-Sequenzen von Gedanken sind von mir.

Sie fotografieren Ihre Figuren gern in Nahaufnahmen und verwenden kaum Totalen. Warum?

Bei der Nahaufnahme eines Gesichts erscheint durch die geringe Tiefenschärfe das Gesicht ganz klar und der Hintergrund verwischt. Ich wollte dadurch eine größere Intimität erreichen. Ich wollte die Poren ihrer Haut spüren, und wenn man sie von ihrer Umgebung isoliert, wirken sie sexier. Durch die Nähe wird vieles abstrakter – und die Sexszenen werden subjektiver. Man sieht nur Körperteile.

Die Musik ist von größter Bedeutung in Ihrem Film.

Die Musik war mir von Anfang an sehr wichtig. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens richtet sich LONDON NIGHTS an junge Leute. Für die ist die Musik ganz wesentlich. Sie baut uns auf, weckt die Gefühle, reißt uns mit und verändert unsere Stimmung. Zweitens hat jeder Ort seine eigene Musik: die Bars mit Live-Rockmusik, die nächtlichen Szenen, nicht zu vergessen die Musik vom MP3-Player oder Ipod. Ich wollte, dass die Musik eine Hauptrolle spielt, und dass sie eklektisch ist. Ich habe eine Liste von Titeln mir bekannter Gruppen aufge- stellt. Ich habe Daniel Johnston und Kimya Dawson um Hilfe gebeten. Es gibt Freunde wie die Tindersticks. In London ist die angesagte Musik mehr von heute als anderswo. Das verdanken wir Mary and the Boy, Connan Mockasin oder Plaster of Paris. Ich bewundere diese Musiker. Darum habe ich sie gewählt. Ihre Stücke akzentuieren den Film mit Augenblicken wahren Gefühls. Nicht zu vergessen das Lied, das Michiel Huisman für die entscheidende Szene am Schluss geschrieben und aufgeführt hat!